Nichts geändert

Das Dramolett um den Antisemiten Jakob Augstein, der partout seine Sprechrolle nach eigenem Gusto ausfüllen will, denn „so denkt es in ihm“ (Rainer Werner Fassbinder), wird tagtäglich um weitere „Stimmen nach dem Spiel“ bereichert (so würde es ein Sportreporter ausdrücken). Der Großteil des Feuilletons schlägt sich auf die Seite des doppelten Erben, dem sein legaler Vater ein materielles Sprungbrett schaffte und sein biologischer Vater die Rotznäsigkeit des trotzigen Besserwissers vererbte. Politik und Kultur stehen den „Edelfedern“ des medialen Geisteslebens nicht nach und geben ihre empörten, ausgewogenen oder schneidenden Kommentare aus den jederzeit verfügbaren Phrasenschächtelchen ab.

Dabei gibt es seit heute den Essay, dem im Grunde nichts hinzuzufügen ist. Erschienen ist er aber nicht in irgendeinem Organ der Tages- oder Wochenpresse oder bei den intellektuellen, think-tankigen Internet-Debattiersalons, sondern beim alten Schlachtross der gnadenlosen Satire, der Titanic. Und dann auch noch das: der Aufsatz von Stefan Gärtner mit dem Titel „Wer Juden haßt, bestimme ich“ ist auch nicht von einer einzigen Spur von Satire durchzogen, sondern bitterer Ernst.

Ich fürchte aber, der Artikel ist zu hoch für diejenigen Deutschen, die als Nachfahren entsetzlich unter ihren Nazi-Elternhäusern leiden mussten (die Juden waren ja nach dem Krieg in der komfortablen Lage, nicht diesem Trauma ausgesetzt zu sein) und die deshalb die weltweit führenden Experten für das Erkennen von nazistischen Methoden und der Wurzeln des Antisemitismus sind.

Deshalb erkennen sie auch so genau, dass der Jude, der die Klappe aufmacht und der sich handfest gegen exterminatorisch gepolte Nachbarn zur Wehr setzt, auf jeden Fall nicht besser ist als ihre Nazi-Eltern – nein, wahrscheinlich sind die Juden sogar noch schlimmer, denn diese Nazi-Eltern haben immerhin noch solche wohl meinenden und wohl handelnden Nachfahren hervorgebracht, wie sie sich etwa als Jakob Augstein im Spiegel (ha, Wortspiel!) betrachten dürfen.

Bei den Juden dagegen hat sich nichts geändert in den letzten 60 Jahren: So wie ihre Großeltern und Eltern gefährden auch die heutigen Israelis mit ihrem halsstarrigen Bestehen auf ihrem Bestand auf entsetzliche Weise den Weltfrieden, den die guten Deutschen immerhin – mit der leider notwendigen vorbereitenden Phase des Zweiten Weltkriegs – in die Welt gesetzt haben. Das hat man nun davon: Hätte Eichmann Erfolg gehabt mit seinem Umsiedlungsplan für die europäischen Juden, die er eine Zeit lang alle nach Madagaskar schicken wollte, dann wäre wenigstens im Nahen Osten Ruhe im Karton. Aber wahrscheinlich würden die Juden dann eben in Ostafrika und im Indischen Ozean herumstänkern. Irgendwer hat da in der schrecklichen Vergangenheit ganz schönen Mist gebaut.

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Fucking peasants, folks on the hill

Ein bemerkenswerter Artikel bei carta.info beschreibt eine Begegnung mit Thilo Sarrazin und sagt dem Leser eigentlich alles, was über den Mann zu wissen lohnt. Wie es aus ihm redet, spricht für sich.

Man kann lange und relativ fruchtlos darüber debattieren,  ob und welcher speziellen politischen Fraktion des X oder Y der Herr Sarrazin nun angehört oder welche gesellschaftliche Strömung er vertritt. Als Frage bleibt eigentlich nur, welche Formen von Neurose und Paranoia sich da zusammenfinden.

Sarrazin ist immer wieder mal mit dem Berlin-Neuköllner Bezirksbürgermeister Buschkowsky in Verbindung gebracht beziehungsweise verglichen worden. Damit tut man Buschkowsky allerdings Unrecht, denn der ist tatsächlich als politischer Phänotyp zu begreifen: der klassische Sozialdemokrat und Gewerkschaftler, der Vorarbeiter und Werkmeister, der im Betrieb in einer Mischung aus Fürsorge und autoritärer Wegweisung die frisch hinzugekommenen Mit-Arbeiter unter seine Fittiche nimmt und ihnen zeigt, „so wird’s bei uns gemacht“, nur dass die frisch Hinzugekommenen eben nicht mehr wie selbstverständlich den Weg in die Werkhallen finden. Er ist ein ideeller Gesamtbetriebsrat auf den bevölkerten Straßen vor den Toren der aufgelassenen Fabriken des Industriezeitalters, der die überlebensnotwendigen Sekundärtugenden für ein eigenständiges Erwerbsleben vermitteln will, wo doch die Primärtugend der kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Vollbeschäftigung längst im dunstigen Historien-Nirwana irgendwann zwischen dem Zeitalter der Hobbits und dem Gewerkschaftsmotto „Samstags gehört Vati mir“ entschwunden ist.

Den Unterschied zwischen den beiden hat vor vielen Jahren der Liverpooler John Lennon festgehalten, der über den Neuköllner Working Class Hero textete:

And you think you’re so clever and classless and free
But you’re still fucking peasants as far as I can see

Der ehemalige Finanzsenator, im noblen Westend ansässig, wurde dagegen so gewürdigt:

If you want to be like the folks on the hill

Und wie geht die Sarrazin-Geschichte aus?

„Auf meinem Gesicht ein Ausdruck des Entsetzens. Sarrazins Stimme wird unsicher. Schließlich sagt er hastig, er brauche ein frisches Getränk, dreht sich um und geht.“