Rechtsextremismus-Studie: Scheitern an der Islamfeindschaft

Im November hat die der SPD nahe stehende Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie „Die Mitte im Umbruch“ vorgestellt, die laut Untertitel „Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012“ zum Thema hat. Seit mittlerweile zehn Jahren erscheinen diese Studien, die von Autoren um die Sozialwissenschaftler Oliver Decker und Elmar Brähler erarbeitet werden. Erstmals befasst sich die diesjährige Arbeit mit dem Themenfeld Islamkritik und Islamfeindschaft und kommt dabei zu erschreckenden Ergebnissen. Islamfeindschaft – die eine „antidemokratische Einstellung“ darstelle – werde von bis zu 60 Prozent der Bevölkerung gehegt; sie offenbare „kulturalistisch-rassistische Ressentiments“. Eine nähere Betrachtung der Studie zeigt allerdings: Die hier vorgestellten Erkenntnisse sind alles andere als wissenschaftlich untermauert; in diesem Themenfeld scheitert die Studie.

Die Autoren der Studie wollen zwar zwischen einer (guten bzw. erlaubten) Islamkritik und einer (bösen bzw. illegitimen) Islamfeindschaft unterscheiden und bemühen sich auch über einige Seiten hinweg, diese Unterscheidung fassbar zu machen. Diese Diskussion ist allerdings notwendig, denn nicht zuletzt die Morde des norwegischen Terroristen Breivik zeigen als Spitze des Eisbergs, zu welch entsetzlichen Folgen ein wahnhafter Furor gegen eine „fremde“ Religion führen kann. Dass vorgebliche „Islamkritiker“ aus den gesellschaftlichen Randzonen von „Politically Incorrect“ oder „Pro Deutschland“ mit ihren Aktivitäten im Großen und Ganzen eine altbekannte rechtsextreme und rassistische Agenda betreiben, ist mittlerweile Allgemeingut.

Daher sollte man von der Studie eine differenzierte Diskussion zwecks Abgrenzung von Islamkritik und Islamfeindschaft erwarten können. Das Ergebnis enttäuscht jedoch. Islamkritik wird offenbar nur im engsten Sinne als rationaler und emotionsloser Diskurs verstanden, wo es jedoch darüber hinaus geht, soll es gleich „ressentimentgeladen“ sein und kulturalistisch-rassistische Einstellungen verraten.

Nun hat es seit Jahrtausenden immer wieder Kritiker an Religionen und Weltanschauungen gegeben, die sich nicht an das Mäßigungsgebot hielten und ihre Opposition mit Polemik und Emotion würzten, nicht zuletzt deshalb, weil sie an einem Leben unter der jeweiligen Weltanschauung gelitten hatten. In hiesigen Breitengraden darf man dazu ruhigen Gewissens die Kritik am Christentum zählen, die in früheren Jahrhunderten auch als „Aufklärung“ daherkam, aber auch die Kritiker und Feinde von Macht habenden Weltanschauungen wie Faschismus oder Kommunismus, die ein wichtiger Denker des 20. Jahrhunderts zur Gesamtmenge der „Feinde der offenen Gesellschaft“ zählte. All diesen Weltanschauungen gegenüber gab es Feindschaft, die sich leider nicht immer jeglicher Emotion enthalten konnte. Wer will es den Kritikern verdenken, wer würde ihnen deswegen vorwerfen, ihre Aversion gegen unterdrückerische Ideologie sei selbst antidemokratisch und intolerant?

In der vorliegenden Studie bekommt der Islam als Kritikobjekt jedoch eine Stellung, die darüber hinausgeht. Islamfeindschaft wird rundweg als „antidemokratische Einstellung“ (dis)qualifiziert, ungeachtet dessen, dass eine Islamfeindschaft sehr wohl eine Untermenge von Religionsfeindschaft bzw. von Ideologien und Weltanschauungen generell darstellen kann. Nach dieser Logik könnte oder müsste man auch Feindschaft gegenüber dem Faschismus oder Kommunismus als antidemokratische Einstellung verbuchen. Schon damit ist die Studie tendenziös.

Nicht zur Sprache kommt eine Unterscheidung zwischen Islam und Muslimen: wenn jemand gegenüber einer Ideologie oder Religion feindlich eingestellt ist, bedeutet das keineswegs, gegen die Anhänger der jeweiligen Ideologie feindlich zu sein. Tatsächlich vertreten nicht wenige Anhänger des Islam, dass Kritik an ihrem Propheten oder an ihrer Religion insgesamt eine Beleidigung ihrer Personen darstelle. Diese Unterscheidung fällt in der Studie unter den Tisch; Islamfeindschaft wird offenbar gleichgesetzt mit Muslimenfeindschaft.

Für die Untersuchung wurde eine Befragung unternommen. Für jedes dieser beiden Phänomene Islamkritik und Islamfeindschaft wurden den Befragten sage und schreibe fünf Aussagen vorgelegt, denen sie zustimmen oder die sie ablehnen konnten. Damit sollen nun die Aussagen der Studie begründet werden, wie verbreitet die jeweiligen Phänomene in der Bevölkerung seien.

Dieses Vorgehen kann man bereits von der Methodik her kaum anders als unwissenschaftlich nennen. Wenn man ein Phänomen im Bereich von Einstellungen über die Beschreibung von stichprobenartigen Spitzlichtern hinaus einigermaßen umfassend erfassen will, reichen fünf Aussagen mit Sicherheit nicht aus.

Vollkommen unseriös wird es dann, wenn man sich die verwendeten Aussagen ansieht.

Von den fünf Fragen, die Aufschluss über „Islamfeindschaft“ geben sollen, lauten die beiden ersten:

„Die islamische Welt ist rückständig und verweigert sich den neuen Realitäten.“
„Der Islam ist eine archaische Religion, unfähig sich an die Gegenwart anzupassen.“

Bezöge man diese Aussage vergleichsweise auf das Christentum, käme man über Jahrhunderte hinweg zu hohen Zustimmungsraten. Diese Art Chistentumskritik nannte sich mal – wie bereits erwähnt – Aufklärung.

Eine Zustimmung dazu soll im Falle des Islam aber mit als Grundlage für die Beurteilung dienen, die jeweilige Person hege kulturalistisch-rassistische Ressentiments und zeige damit eine antidemokratische Einstellung. Hier offenbart sich durch die Zusammenstellung der Aussagen, die als Indikatoren für „Islamfeindschaft“ dienen sollen, eine kulturrelativistische Voreingenommenheit, die im Endeffekt Toleranz mit Akzeptanz jedweder reaktionären Weltanschauung verwechselt.

Diese Aussagen können bestimmt von sehr vielen Menschen bejaht werden, nicht zuletzt solchen, die unter dem Islam gelitten haben wie etwa Salman Rushdie oder Ayaan Hirsi Ali. Diese werden nun gemäß dieser Studie als ressentimentgeladene antidemokratische Rechtsextremisten zu bezeichnen sein. Mit ähnlichen Begründungen wie hier in dieser Studie werden aktuell säkulare Menschen und Atheisten in einer Reihe von Ländern im Nahen Osten, insbesondere in der Folge des „Arabischen Frühlings“, von Islamisten und Salafisten angegriffen, verfolgt und unterdrückt.

Zu welchen abstrusen Folgen solche „Ergebnisse“ einer Studie mit wissenschaftlichem Anspruch führen können, zeigte sich in der publizistischen Berichterstattung. In der „Stuttgarter Zeitung“ wurden die wesentlichen Ergebnisse der Studie referiert, so wie sie auch seitens der Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Zusammenfassung und einer Pressemitteilung dargestellt wurden. Der Stuttgarter Person, die zu diesem Bericht eine Überschrift verfassen durfte, waren die dürren Zahlen und Fakten aber offenbar noch nicht genug. Und so wurde per Headline in dem Blatt eine groteske Gleichsetzung verkündet: „Die Juden von heute sind Muslime„.

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