Massaker im Anfangsstadion

Richtig schwer tun sich deutschsprachige Autoren, die noch mehr Waffen im öffentlichen Leben der USA sehen wollen. In einem frisch erschienenen Blog-Artikel werden Kritikern der derzeitigen Waffengesetze „Fehlschlüsse“ vorgeworfen.

Wie Fehlschlüsse funktionieren, wird freundlicherweise dann gleich im Anschluss vorexerziert.

Natürlich macht es einen Unterschied, wie schnell und einfach jemand töten kann. Dies ist aber nur entscheidend über das Ausmaß des Aktes. Wenn in der Grundschule in Connecticut oder im Kino in Colorado der Täter eine Pistole mit einem zehn Schuss Magazin gehabt hätte und einen begrenzten Vorrat an Munition, wäre nur das Ausmaß des Amoklaufs vielleicht kleiner gewesen.

Nur, ist es Sinn der Debatte dafür zu sorgen, dass weniger Menschen sterben?

Nein, natürlich nicht, denn:

Ziel sollte es sein, Amokläufe zu verhindern. Wenn dies nicht möglich ist, dann doch die Folgen zu minimieren.

Aha. Der Leser hat soeben gelernt, dass „die Folgen zu minimieren“ jedenfalls nicht bedeuten soll, dass weniger Menschen sterben. Aber was sollte dann minimiert werden? Umweltschäden? Medienberichterstattung? Was auch immer, die Verfügbarkeit von kriegstauglichen automatischen Waffen und Munitionsvorräten im Infanterie-Bataillons-Umfang soll offenbar nicht minimiert werden.

Im Folgenden erfährt man, dass Amok-Massaker auf das Konto „verwirrter Geister“ gehen, und die sind ausschließlich „junge weiße Männer“, wie der Autor weiß. Also:

Nicht die Waffengesetze sind schuld, sondern das erzieherische und kulturelle Umfeld dieser jungen Männer ist die Ursache.

Konkreter wird „die psychische Störung als Ursache für die Massaker“ benannt. Wirklich unbehaglich wird es dem Leser dann mit dieser Feststellung:

Nicht umsonst war das erste Opfer des Schulmassakers von vor zwei Wochen die Mutter des Täters.

Wer sieht da nicht Horden von Nachfolgern des Norman Bates auftauchen, dem Hitchcock-„Psycho“-Helden, dessen existenzieller Schrei „Mutter!“ den Mordakt krönte? Ist das Ganze also ein Problem von übermäßig vielen Psycho-Killern, die im Hotel Mama herangebrütet wurden? Das Weib als Anstifter des Bösen im unfertigen Manne? Neinnein, so nun auch nicht wieder, denn:

Wenn man von den verschieden Amokläufen in den USA extrapolieren tut, dann erkennt man eine systemische Störung. Da ist was im Gange gesellschaftlich, was zu diesen Taten führt.

Was da „gesellschaftlich im Gange“ ist, das zu psychischen Störungen mit Massenmord-Folgen führen tut, verrät der Autor dem Leser leider nicht.

Eines steht für dieses skurrile Textwerk jedoch fest: nämlich dass „Amokläufe durch bewaffnete Bürger noch im Anfangsstadion unterbunden wurden“.

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Ja, was soll man da sagen. Fragen wir zum Schluss also einen Mann aus dem Stadion, zum Beispiel Bruno Labbadia. Der frühere Fußballprofi und heutige Trainer prägte diesen Merksatz, der in seiner Einfachheit wie auch Universalität auf fast jede Situation anwendbar ist, also auch auf diese:

„Das wird alles von den Medien hochsterilisiert.“

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